Kleines Kernteam, grosse Wirkung: Wie Martina Freivogel in sechs Monaten den Krisenstab für den ESC 2025 formte.
Martina Freivogel übernahm den Aufbau und die Leitung einer Krisenorganisation, die unter äusserst engen Zeitvorgaben und unter globaler Beobachtung funktionstüchtig gemacht werden musste. Der Eurovision Song Contest 2025 in Basel fand in einem politischen und medialen Spannungsfeld statt, welches durch seine ausserordentliche Reichweite und die dezentrale Ausgestaltung des Anlasses noch verstärkt wurde. Die Veranstaltung mobilisierte ein Publikum in der Grössenordnung von über hundert Millionen linearer Zuschauenden; die Präsenz in sozialen Medien erreichte sogar Milliarden von Views. Solche Zahlen sind nicht bloss Statistik; sie verändern die Aufgabenstellung des Krisenmanagements grundlegend, weil jede Entscheidung, jede Kommunikation sofortige Sichtbarkeit und damit potenziellen politischen Widerhall erzeugen kann.
Der organisatorische Rahmen, in dem die Krisenorganisation agierte, war komplex: Die European Broadcasting Union (EBU), die SRG und die Stadt Basel trugen in unterschiedlichen Rollen Verantwortung: Die EBU war verantwortlich für den Wettbewerb inklusive Voting, die Delegationen sowie die internationalen Sponsoren. Die Show und die Produktion der Sendung verantwortete die SRG. Die Stadt Basel war für die Sicherheit, Infrastruktur sowie für die Eröffnungsfeier und die übrigen Nebenevents zuständig, mitunter für das Public Viewing im St. Jakob-Park mit 35'000 Zuschauenden. Die Zeit bis zur Durchführung des ESC betrug nur ein Jahr; die Stadt als Austragungsort war bis in den Spätsommer nicht konkretisiert, da sich mehrere Städte in der Schweiz für die Durchführung bewerben konnten. In Verbindung mit der Teilnahme von 37 Ländern und mit Vertretern aus Konfliktregionen ergab sich eine Konstellation, die hohe Anforderungen an Abstimmungsprozesse und an Schnittstellen stellte.
Vor diesem Hintergrund stand die Aufgabe, eine gemeinsamen Krisenorganisation zu etablieren, die sowohl für die Prävention, rasche Situationsanalyse und abgestimmte Kommunikation im Ereignisfall eingesetzt werden konnte. Der Auftrag an die Stabsleitung lautete nicht nur, in kurzer Zeit handlungsfähig zu werden, sondern ein Konzept zu schaffen, das sich auf künftige ESC-Anlässe übertragen lässt. Die Antwort bestand in einer straffen Kernorganisation mit Senior Managern aus den drei Partnerorganisationen, die bewusst auf minimale operative Parallelbelastung der Stabsmitglieder setzte. Stellvertretungsregelungen wurden eingeführt, so dass auch ein nahezu rund um die Uhr arbeitender Betrieb über die zwei intensivsten Wochen hinweg abgedeckt werden konnte. Hinzu kam, dass der Krisenstab selbst keine umfassende Entscheidkompetenz im formalen Sinn innehatte; Entscheidungen mussten über die jeweiligen Trägerinstanzen getroffen werden. Dieses Konsensprinzip verlangte daher klare Eskalationspfade.
Die Bedrohungsanalyse ergab drei primäre Risiken: physische Sicherheitsvorfälle, Cybervorfälle und die politische Instrumentalisierung des Anlasses. Sicherheitsarchitektur wurden auf hoher Stufe vorbereitet; die Hallen für die Durchführung des Events sollten Flughafenstandard entsprechen. Der Gedanke, dass eine Liveübertragung mit globaler Reichweite eine Einladung zur Verpolitisierung ist, prägte die taktische Planung. Erfahrungen aus früheren Austragungen — namentlich dem politisch aufgeladenen ESC in Malmö 2024— flossen ein und erhöhten die Sensibilität gegenüber Reputations- und Polarisierungsrisiken. Operativ setzte der Stab auf Standardisierung von Rapporten und auf Übungen als Kernstrategie. Eine einheitliche Traktandenliste strukturierte die Stabssitzungen; wiederholte Übungen im Vorfeld und realitätsnahe Szenarien dienten nicht nur der Vorbereitung des Krisenstabs und seiner Mitglieder, sondern auch direkten Klärung praktischer Fragen und des Team Buildings in einem interinstitutionellen und interkulturellen Kontext. Die Übungen förderten Erkenntnisse zutage, die letztlich detaillierte konzeptionelle Vorarbeit ersetzten. Parallel dazu wurde frühzeitig eine dedizierte Krisenkommunikatorin eingebunden, um bei Bedarf proaktiv zu agieren, rasche Abstimmungen mit den verschiedenen Kommunikationsteams zu treffen und kohärente Botschaften zu liefern. Die regulären Kommunikationsteams hätten diese strategische und koordinative Arbeit aufgrund der Flut an medialen Anfragen aus aller Welt nicht selbst stemmen können.
Die Lehre aus diesem Einsatz lässt sich knapp formulieren. Ein kleines, handlungsfähiges Kernteam mit klar freigehaltenen Ressourcen erwies sich im Umfeld einer so komplexen Organisation wie dem ESC als der richtige Entscheid, um im Einsatz reaktionsfähig zu sein. Regelmässiges, szenariobasiertes Training schafft Entscheidungssicherheit und reduziert die Notwendigkeit umfangreicher theoretischer Konzepte. Kommunikationsexpertise ist integraler Bestandteil jeder Stabsstruktur, wenn das Ereignis auf einem weltweiten Senderfenster stattfindet. Und nicht zuletzt: Politische Risiken sind gleichwertig zu behandeln mit physischen und digitalen Bedrohungen; ihre Relevanz steigt proportional zur Reichweite des Events.